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Willkommen im Übermorgen!

Innovationen überschwemmen uns in immer schnellerer Abfolge. So schnell, dass man als Unternehmer und Manager den Bezug dazu verlieren kann. Welche Veränderung findet statt? Welche wird das eigene Geschäft betreffen? Auf dieser Seite, unserem #Future Blog,  informieren wir kurz über die neuesten Entwicklungen und versuchen zudem, in unregelmäßiger Folge die Auswirkungen dieser Neuheiten einzuordnen.


Alle Jahre wieder und zum Jahreswechsel 2018: Was 'Zukunfts-Experten' wirklich taugen

Jedes Jahr wieder gibt es sogenannte Experten, die uns erzählen, wie die Zukunft aussehen wird - und jedes Jahr liegen sie alle wieder daneben

Philip E. Tetlock hat in seinem Buch "Expert Political Judgment: How Good Is It? How Can We Know?" schon 2006 nachgewiesen, dass sogenannte Experten bei Zukunftsprognosen kaum besser seien, als "ein Schimpanse, der Pfeile auf eine Dart-Scheibe wirft". Um das tun zu können, hatte er Prognosen renommierter (soll heißen: gut bezahlter) Meinungsmacher über einen Zeitraum von fast dreißig Jahren beobachtet und ausgewertet.

Das Ergebnis war - wie schon beschrieben - erschreckend.

Seltsam nur, dass wir in vielen Fachmedien, Fernsehsendern und Webseiten dennoch jedes Jahr wieder zu Jahresbeginn eine Vielzahl von Prognosen zur wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklung des neuen Jahres erhalten, aber sich keiner der fraglichen Medien mal die Mühe macht, solche Vorhersagen kritisch rückblickend zu betrachten.

Auch wir möchten uns da weitestgehend zurückhaltend, denn außer ein wenig Heiterkeit über ausgebliebene Weltuntergänge sind solche Rückblicke bestenfalls ermüdend. Denn die meisten Experten scheitern an der simplen Tatsache, dass sie monothematisch unterwegs sind und die Entwicklung der Welt nur aus einer Perspektive sehen. Ein schönes Beispiel dafür ist Michio Kaku - eigentlich ein seriöser US-Physiker -, der als TV-Experte normalerweise versucht, Technik und Physik allgemeinverständlich darzustellen. Für sein erstmals 2011 (!) erschienenes Buch "Die Physik der Zukunft - unser Leben in 100 Jahren"  hat Kaku 300 Physiker und Techniker nach ihrer Vision befragt und einen kleinen Almanach des technisch Möglichen erstellt. Aber schon auf Seite 48 der deutschen Ausgabe, beginnt er sich hoffnungslos zu verirren:

"Der Übergang zu intelligenten Autos wird nicht von heute auf morgen stattfinden. Zuerst wird das Militär diese Fahrzeuge einsetzen und im Verlauf dessen alle Macken ausmerzen. Dann werden Roboterautos auf den Markt gelangen, und zuerst auf langen und langweiligen Fernstrecken eingesetzt werden...."

Wer diesen Blog regelmäßig liest, wird wissen, dass nur sechs Jahre nach dieser Prophezeiung die ersten selbstfahrenden Busse auf deutschen Straßen  bereits im probebetrieb unterwegs sind - in den Innenstädten und keineswegs vom Militär vorgetestet.

Ein wirkliches Highlight monothematischer Zukunftssichten hat sich ausgerechnet ein Wissenschaftler erlaubt, der neben seiner Professur an einer Hamburger Universität zudem noch ein Unternehmen namens "Economic Trends Research" begründet hat: In einem Gastartikel des Hamburger Abendblattes (den ganzen Artikel finden Sie hier) appelliert Professor Michael Bräuninger an die Politik, sich nicht von Technologien verführen zu lassen. Gemeint ist damit der Fokus auf e-Mobilität und die batteriegetriebene Stromspeicherung insbesondere. Darin listet er jeden nur denkbaren Gedanken auf, der gegen E-Mobilität spricht. Scheinbar logisch und wissenschaftlich fundiert. Aber eben nur scheinbar:

Die wissenschaftlich unsaubere Argumentation beginnt schon mit der Einleitung, in der Professor Bräuninger den schleppenden Start der e-Mobilität als Beweis für die Unfähigkeit der Technologie heranziehen möchte. Dabei sollte er als Wissenschaftler im Laufe seines Studiums davon gehört haben, dass fast jeder Wachstumsprozess in Natur und Wirtschaft exponentiell abläuft – und solche  Entwicklungen haben die (natürliche) Eigenschaft, am Anfang eben kaum zu wachsen. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus z.B. nach Norwegen hätte schnell gezeigt, dass nach der ruhigen Anfangsphase der steile Anstieg folgt: In Norwegen sind in 2017 schon 50% der neu angemeldeten Fahrzeuge e-Mobile oder Hybride.

Dann, so argumentiert Herr Bräuninger weiter, sei die Ladekapazität für Batterien so niedrig dass man LKWs damit kaum über lange Strecken bewegen könne.  Auch wieder nur halbrichtig: Denn tatsächlich wird e-Mobilität im Moment primär für den Personenverkehr diskutiert. Von batteriebetriebenen LKW spricht aktuell  ebenso wenig jemand wie von batteriebetriebenen Zügen oder Großflugzeugen.

Und dann kommt das Killerargument der Urlaubsreise –  mit dem der Autor das Horrorszenario endloser Autoschlangen an den Riesentankstellen beschwört, weil alle gleichzeitig mit Ihrem e-Fahrzeug nach Italien und an die Ladesäule an der Autobahn wollten. Klingt alles logisch – solange man Zukunft als lineare Fortsetzung der Gegenwart betrachtet wie Professor Bräuninger.

Aber: So funktioniert Zukunft nicht!

So wie die Wechsel von der Schreibmaschine zum PC  oder vom Handy zum Smartphone Verhaltensweisen der Mensch radikal verändert haben, so wird dies auch geschehen, wenn der Nachfolger des Verbrennungsmotors zukünftige  Fortbewegungsmittel antreibt.  Hinzu kommt, dass eine technische Änderung selten allein kommt und deshalb Zukunftsszenarien immer ganzheitlich betrachtet werden sollten. Im Falle der e-Mobilität ist das autonome Fahren (um nur mal einen mehrerer zu berücksichtigender  Aspekte zu benennen) ebenso im Kommen und wird die Art, wie wir miteinander Fahren ebenfalls – vermutlich sogar dramatisch - verändern. Wenn der Leiter der Konzernforschung von VW Axel Heinrich recht behält, werden selbstfahrende Autos mit maximaler Sicherheitsausstattung tödliche Unfälle um 90% reduzieren können. Das und der deutlich geringere Platzbedarf im Straßenverkehr (und damit das Potential, Verkehrswege sogar reduzieren zu können) könnte ein hoher Anreiz für die Politik sein, dieser Technologie schnell Priorität auf deutschen Straßen einzuräumen.

Schon im kommenden Jahr sollen in Hamburg die ersten 100 autonom fahrenden Kleinbusse erprobt werden, die Fahrgäste individuell aufnehmen sollen. Diese Technologie hat die Kraft, die Grenzen zwischen öffentlichem Bus, Taxi und CarSharing verwischen zu lassen und sich so schon, je nach Technologiefortschritts binnen eines Jahrzehnts zum bevorzugten Verkehrsmittel in den Städten entwickeln.

Solche Mobil-Systeme würden dann vermutlich eher gemietet als besessen und verschwinden zum Laden ebenso, wie es heute Taxen machen: Sie laden, wenn kein Passagier an Bord ist. Gibt es dann Staus an Ladesäulen, kann das dem Nutzer völlig gleichgültig sein – er bekäme  von diesem Ladeprozess nichts mit.

Und der Urlaub?

Nun, wer unbedingt daran glauben möchte, dass wir auch in Zukunft den Italienurlaub mit 1.200 km im Auto beginnen…  Dann kommt vielleicht auch da ein intelligentes CarSharing zum Zuge. Renault und der chinesische Autobauer Neo erwarten ab 2020 Batterien mit 1.000 km Reichweite. Und falls das nicht reicht, wartet irgendwo auf halber Strecke eben ein zweites CarSharing Fahrzeug und man steigt einmal um.

Fehler in der Energiebilanzrechnung

Übrigens stimmt auch die Betrachtung der Energiebilanz in Professor Bräuningers Artikel nicht: Zu meinen Studienzeiten hatten wir ähnliche Kommentare einiger unserer Physikprofessoren, die als sicher einstuften, dass wir niemals einen nennenswerten Anteil an regenerativen Energien erzeugen könnten. Das hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Wir gewinnen heute laut Umweltbundesamt bereits 31,7% unserer Energie aus nachhaltigen Quellen - Tendenz weiter steigend. Unser Nachbar Dänemark erzeugt bereits fast 50% seines Strombedarfs aus regenerativen Energien – und will bis 2030 daraus sogar 100% machen.

Und der von Professor Bräuninger versprochene Prozess,“CO2 in Wasserstoff, Gas oder flüssige Kraftstoffe umzuwandeln“? Nun, zunächst einmal läßt sich aus Kohlendioxid, welches nun einmal aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen zusammengesetzt ist, beim besten Willen kein Wasserstoff gewinnen – es sei denn man wäre mittelalterlicher Alchimist.

Bleiben die anderen, technisch machbaren Prozesse. Die Kosten hierfür sind nicht nur, wie von ihm beschrieben, „derzeit noch zu hoch“, sondern werden es auch immer bleiben: Um aus CO2 einen Treibstoff zu machen, benötigt man etwa viermal so viel Energie wie man anschließend in dem  erzeugten Kraftstoff  zur Verfügung hat. Das ist (leider) eine physikalisch-chemische Konstante und führt unvermeidlich zu der logischen Frage, weshalb man 75% der verfügbaren Energie verschwenden sollte, um den Rest dann in den Fortbestand des Verbrennungsmotors zu stecken, wenn man doch auch gleich 100% zur Fortbewegung nutzen könnte.

Wer für die Zukunft planen will, darf auf keinen Fall linear denken und nur die Entwicklung einer Technologie isoliert betrachten. Und wer als Experte dennoch eine Prognose wagen möchte, sollte den Philosophen Artur Schopenhauer im Kopf behalten, der gesagt hat:

Jeder Mensch hält die Grenzen seines eigenen Blickfeldes für die Grenzen der Welt.

Abbildung: Theo Crazzolara - Feuerwerk, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49572804