user_mobilelogo

 

 

 

Willkommen im Übermorgen!

Innovationen überschwemmen uns in immer schnellerer Abfolge. So schnell, dass man als Unternehmer und Manager den Bezug dazu verlieren kann. Welche Veränderung findet statt? Welche wird das eigene Geschäft betreffen? Auf dieser Seite, unserem #Future Blog,  informieren wir kurz über die neuesten Entwicklungen und versuchen zudem, in unregelmäßiger Folge die Auswirkungen dieser Neuheiten einzuordnen.

Marketing

Werbewirkung ist keine Glaubensfrage

Warum regt sich eigentlich kein Kunde darüber auf, dass Agenturen gerne etwas empfehlen, was sie selbst nie tun?

Ich bin ganz sicher, irgendwo in Ihrem Büro findet sich die ein oder andere Ausgabe von Horizont oder w&v. Schauen Sie dort doch spaßeshalber einmal rein und suchen Sie Anzeigen Ihrer Agentur. Falls Sie nicht fündig werden, erweitern Sie die Suche auf Anzeigen irgendeiner Agentur. Das Ergebnis dürfte recht eindeutig sein: Sieht man von dringenden Suchanzeigen („kreativer Grafiker für Neukundengeschäft gesucht“) und den Adresseinträgen unter der Rubrik Dienstleister einmal ab, werden Sie kein (in Zahlen: Null) Inserat finden, welches für die Leistungen von Werbeagenturen wirbt. Keine halbe, keine ganze und insbesondere keine Doppelseite!

Vergebliche Suche nach Anzeigen von Agenturen

Das ist nach den Regeln der Kunst (und denen, die uns Agenturen immer als solche verkaufen wollen), doch sehr überraschend – schließlich finden sich die Marketingmedien eigentlich in jeder Werbeabteilung und erreichen damit praktisch alle potenziellen Kunden als Leser. Hohe Affinität mit der definierten Zielgruppe – praktisch ohne Streuverlust wöchentlich erreichbar, gemessen an den erzielbaren Honoraren zu sehr günstigen Kontaktpreisen und die Herstellung der Anzeigenvorlagen sollte Werbegestaltern ja auch leicht fallen – warum also schalten Agenturen dort (oder sonst wo) keine Anzeigen?

Sind Agenturen nicht überzeugt, dass Anzeigen wirken?

Die Antwort ist denkbar einfach: Sie sind nicht überzeugt, dass Anzeigen wirken. Trotz der phänomenal guten Mediawerte! Lassen wir uns das einen Moment auf der Zunge zergehen und auf uns wirken: Anders, als es in Beratungsgesprächen suggeriert wird, zeigen Agenturen durch ihr eigenes Verhalten, dass Werbung eben keineswegs immer wirkt – egal, wie viel Mediawirkung dahinter steckt.

Wenn nun aber die Kommunikationshersteller selbst so zurückhaltend sind, wenn es um den reinen Glauben an Werbewirkung geht, warum empfehlen sie dann eigentlich ihren Kunden – den Werbungstreibenden – dass man doch nur mehr von allem tun müsse, um wirksam zu sein? Mehr Mediageld, mehr Kreativität, mehr Anzeigen und Banner, mehr Social Media? Und warum verweigern sie andererseits so hartnäckig die Diskussion um erfolgsbasierte Honorare?

Werbung muss messbar sein!

Werbemaßnahmen müssen messbar sein – so wie Feuerwerk sichtbar. Wenn Sie am Silvesterabend eine Rakete zünden, die zwar startet, dann aber weder knallt noch leuchtet, hätten Sie es ebenso gleich bleiben lassen können. Sie wissen, dass Sie einen Feuerwerkskörper gestartet haben – aber niemand sonst. Ob das Ding nun abgehoben hat oder nicht, macht keinen Unterschied.

Deshalb haben Werbemaßnahmen ohne messbaren Effekt ebenfalls praktisch nicht stattgefunden. Diesen Teil der Marketingmaßnahmen kann man ebenso gut sein lassen. Das gilt für jede Webseite, deren Besucherverhalten nicht konsequent ausgewertet wird, für jede Facebook-Präsenz, für die vorher keine KPIs festgelegt wurden und für jede Anzeige, in welche man kein Response-Element eingebaut hat.

Kenngrößen für Marketingmaßnahmen

Wie will ich als Marketingleiter denn meiner Verpflichtung den Shareholdern gegenüber nachkommen, wenn ich nicht einmal sagen kann, ob die durchgeführte Maßnahme irgendeinen Beitrag zum Unternehmensziel geleistet hat? Und wie will ich denn in einem ISO9001-zertifizierten Betrieb kontinuierliche Verbesserung erreichen, wenn ich unwirksame Maßnahmen nicht von wirksamen unterscheiden kann?

Fazit: Ich finde, wir als Marketingverantwortliche täten gut daran, weniger nach immer neuen, noch kreativeren Kampagnen zu suchen und statt dessen ein bisschen mehr Zeit darin zu investieren, Kenngrößen für jede Marketingmaßnahme zu finden. Damit landet man zwar nicht so häufig auf der Titelseite der Fachmedien, sichert aber langfristig gesehen Arbeitsplätze – den eigenen natürlich eingeschlossen!


Marketing

Kreative Werbung – Erfolgsfaktor oder Denkfehler?

Kolumne auf 'Springer for Professionels' (www.springerprofessionel.de)

Je ausgefallener die Kampagne, um so höher der Gesprächswert. Zumindest in der Branche. Einen Nachweis, dass kreative Werbung besser wirkt, hat aber noch niemand erbracht.

Im Oktober veröffentlichte das Marketingmagazin "Werben & Verkaufen" unter der Headline "Was muss sich ändern, damit der Effie seinem Ruf als Werbe-Oscar gerecht wird?" eine Umfrage, die die Redaktion in der Marketingbranche durchgeführt hatte. Zwei Aspekte sind daran zu hinterfragen.

Ein Aspekt sind die Antworten, die "W & V" auf diese Frage bekommen hat. Denn fast alle Befragten betonten, dass die Erfolgskontrolle der zu beurteilenden Maßnahmen transparenter gestaltet werden müsste. Nur so könne sichergestellt werden, dass es tatsächlich eine nachweisbare Wirksamkeit war, die Kampagnen in die Ausscheidung gebracht hat. Und nicht etwa nur die gute Rhetorik des Marketingleiters. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn man die Sinnhaftigkeit von solchen Awards grundsätzlich akzeptiert.

Kreativität statt Controlling

Sehr spannend fand ich jedoch die Antwort von Roland Bös, Geschäftsführer von Scholz & Friends und einer der beiden Agenturnetzwerk-Chefs, die zu Wort kamen. Bös wünschte sich mehr kreative Begeisterung und nachvollziehbare Jury Quotes. Mehr kreative Begeisterung – von Erfolgskontrolle im ganzen Statement kein Wort.

Haben Sie schon einmal in irgendeinem Fachmedium gelesen, dass jemand einen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen der Kreativität einer Anzeige, eines TV-Spots oder eines Newsletters und deren jeweiligem Erfolg nachweisen konnte? Wohl kaum. Denn diesen Nachweis hat bislang niemand führen können. Zumal ein einfacher Blick zu Amazon, Ebay, Aldi oder Lidl zeigt, dass erfolgreiche Kommunikation eben keineswegs immer kreativ sein muss. In diesen Marketingabteilungen werden Prospekte und Webseiten so genau am Erfolg gemessen, dass wir davon ausgehen können, dass Werbung ohne überbordende Kreativität, sich dort ganz offensichtlich bewährt hat.

Erfolgreiche Werbung ist keinesfalls immer kreativ

Wenn es also einerseits erfolgreiche, aber unkreative Werbung gibt, es anderseits zudem keinen wissenschaftlich Nachweis einer Kausalität gibt, warum ist dann die Kreativität so hoch angesehen im Marketing? Darauf gibt es zwei einfache Antworten: Zum einen macht kreative Kommunikation denen, die sie verantworten, einfach mehr Spaß. Und sie bringt auch gefühlt größere Erfolgserlebnisse. Stellen Sie sich nur einmal vor, welchen Unterschied es macht, wenn Sie das Ergebnis Ihrer Arbeit in ihrem privaten Umfeld zeigen. Wie ist die Reaktion, wenn Sie eine intelligente, kreative Anzeige vorzeigen? Und wie, wenn Sie einen Tageszeitungsprospekt im Stile der Aldi-Werbung präsentieren?

Zum anderen unterliegen wir in unserer sehr abgeschlossenen Branche alle eines Wahrnehmungsfehlers, den Psychologen den Availability Bias nennen, den Verfügbarkeitsfehler. Die Gelegenheiten, bei denen wir uns nämlich ein Gesamtbild unserer Marketingbranche machen können, sind sehr eingeschränkt: Kongresse, Award-Verleihungen, Fachzeitschriften. Diese Medien leben aber von den Informationen, die ihnen von Marken und Agenturen zur Verfügung gestellt werden. Wollten wir uns anhand dieser verfügbaren Informationen darüber ein Bild machen, welchen Einfluss Kreativität auf Erfolg hat, müssten also auch von Kampagnen lesen, die nicht erfolgreich waren. Für einen richtigen Eindruck müssten wir sogar sooft von solchen nicht-erfolgreichen Kampagnen lesen, wie sie anteilsmäßig auch tatsächlich vorkommen.

Tun wir aber nicht. Denn berichtet wird nur über interessante (=kreative) Kampagnen, die entweder neu (also noch ohne messbares Ergebnis) oder irgendwie erfolgreich sind. Deswegen nehmen wir nur kreative Kampagnen, die gelegentlich sogar etwas bewirkt haben, richtig wahr. Und durch die fehlenden Informationen zu den anderen Marketingmaßnahmen entsteht bei uns allen der Eindruck, kreative Werbung wäre erfolgreicher.

Solange also Kreativität nicht nachweislich zu mehr Erfolg führt, sollten wir in der Marketingbranche dann nicht etwas bescheidener sein und auf den einen oder anderen Award verzichten? Sollte nicht der erfolgsbasierte Effie solange sogar der einzige Award sein, den wir als seriöse Auszeichnung akzeptieren?

 

 


Seit Januar: Google verdrängt Ihre Seite nach hinten. Was tun?

Wie man auch als zentrale Marke in die regionalen Ergebnisse gelangen kann.

Kaum bekannt ist derzeit noch, dass Google seit einigen Monaten ein neues Ranking für die Anzeige der Ergebnisse anwendet: Inzwischen werden nach den Anzeigen – wenn verfügbar -  lokale Ergebnisse vor allen anderen Suchergebnissen gezeigt. Damit folgt Google den eigenen Erkenntnissen, wonach selbst auf dem PC 20 % aller Suchen sich auf Ergebnisse im nahen Umfeld beziehen – und auf mobilen geräten steigt diese Quote auf bis zu 40%.

Konsequent werden deshalb (nach einer Studie von Sitrix (http://www.sistrix.de/) ) schon 7% aller Ergebnisse in Deutschland auf den ersten Plätzen an lokale Ergebnisse vergeben.

Die Plätze 1 bis 5 der Suchergebnisse bei Google belegen in der Regel bezahlte Anzeigen und lokale Ergebnisse

 Dies bedeutet, dass andere Seiten deutlich nach unten verschoben werden. Eine Katastrophe, wenn man bedenkt, dass schon die fünfte Position der Suchergebnisse nur noch von 5% der Nutzer angeklickt wird – und die Klickrate ab der zweiten Ergebnisseite unter 1% liegt.

Oder anders gesagt:

Sie verlieren ab Position 6 schon 95 von 100 möglichen Kunden – und ab der zweiten Ergebnissseite schon 99 der möglichen 100 Interessenten.

Google selbst empfiehlt Unternehmen, jeder Niederlassung eine eigene Seite (page) einzurichten, um so von Google wenigstens in Maps gefunden zu werden: Matt Cutts (Leiter des Webspam-teams bei Google) beschreibt diese Strategie in seinem Blog. Hat man keinen Standort vor Ort, gibt es laut Matt Cutts keine Chance, in die oberen Ränge der regionalen Ergebnisse zu gelangen.

 Was aber tun, wenn man als Marke nur einen Standort hat? Vertriebspartner einbinden!

Lokales Marketing im Web ist eigentlich außerordentlich komplex, wenn man als Marke nur einen Standort hat. Und die Einbindung von links zu den Vertriebspartnern reicht heute nicht mehr, um auf den oberen Plätzen zu landen. Dennoch kann man als Markenverantwortlicher etwas tun:

Über ein ausgeklügeltes System lassen sich Kampagnenseiten heute tatsächlich als lokale Seiten generieren – mit den Standorten Ihrer Vertriebspartner als Referenz für Google Maps. Damit schafft es Ihre Online-Kampagne auf die organisch-gerierten8kostenlosen) Plätze lokaler Suche - zudem wird Ihre Online-Kampagne als lokale Kampagne ebenfalls bevorzugt auf den Werbeplätzen gezeigt.

Und das Beste:

Zusätzlich haben Sie die Möglichkeit, Ihre Vertriebspartner über Incentive-Systeme zu einer aktiven Verkaufsunterstützung zu motivieren.


Befreit das Marketing!

Heino Hilbig schreibt in BRAND EINS, Ausgabe im Februar 2014

 

Wer ist schuld, wenn Werbung ihre Ziele nicht erreicht? Die Agentur, natürlich. Die Mediaagentur, vielleicht. Ganz sicher aber der Marketingchef, der falsch gebrieft und ausgewählt hat – oder ist es vielleicht ganz anders? Einsichten eines Praktikers.

Wer für eine Marke verantwortlich ist, will nur eines: Umsatz und Gewinn steigern. Ob das durch Schreien, Flüstern, Amüsieren oder Ärgern geschieht, ist ihm erst einmal egal. Die viel beschworene Kreativität? Ist im Marketing nur die Ersatzwährung. Wie ließe sich sonst der Erfolg der öden, aber auf den Quadratzentimeter genau ausgewerteten Flyer der Lebensmitteldiscounter erklären?

1. Das Interesse der Agentur

Agenturen haben auf die Frage, was zu tun ist, meist nur eine Antwort: mehr! Mehr Mediageld, mehr Klassik, mehr Web, mehr Social Media – je nachdem, ob man eine Media-, Klassik-, Web- oder Social-Media-Agentur befragt. Ich habe in all den Jahren als Marketingleiter nie empfohlen bekommen, irgendetwas weniger zu tun. Überrascht das? Natürlich nicht. Schließlich haben auch Agenturen ein Interesse an der Umsatzsteigerung – der eigenen.

Was aber tun, wenn das eigene Budget „immer mehr“ nicht hergibt? Wenn man die größte Plakatkampagne Deutschlands (von Volkswagen, für 25 Millionen verkaufte Golfs, Januar 2007) nicht mit der allergrößten jemals durchgeführten Außenwerbung kontern kann (Einführung des Toyota Auris, Februar 2007)? Dann kommt die Geheimwaffe Kreativität ins Spiel. Dann lernen Autos fliegen oder über Hochhäuser zu springen (Opel Antara, Nissan Qashqai, 2007) – das bringt allerdings nichts mehr, wenn es alle machen. Da geht es den Marken wie den niederländischen Blumenverkäufern auf dem Hamburger Fischmarkt: Wenn man überall laute, lustige Anmachsprüche mit holländischem Akzent hört, hört keiner mehr hin.

2. Die reine Lehre

Schon hundert Jahre alt und noch immer gültig: die AIDA-Formel. Sie weist den Weg zum Mehrumsatz: Erst muss man die Aufmerksamkeit des Kunden erregen (Attention), dann sein Interesse wecken und daraus einen Wunsch machen (Interest und Desire) – schließlich den Kaufimpuls auslösen (Action). Klingt geradezu narrensicher, in der Theorie.

Das Problem beginnt aber schon damit, dass sich Agenturen gern auf das erste A konzentrieren. Sie wollen Aufmerksamkeit und hoffen, sie mit originellen Ideen zu wecken. Das Ergebnis ist aber häufig nur Übertreibung, Lautstärke, Schock und vor allem Penetranz. Als Markenverantwortlicher aber will ich den Kauf und habe ernste Zweifel, ob der Lärm zielgenau zur Action führt. Schließlich entstehen Sympathie und Desire selten durch Anschreien.Dass Verbraucher die TV-Werbepausen gern alternativ nutzen und sich ihr Internet durch Ad-Blocker sauber halten, spricht für sich. Dass einige Web-Agenturen sich damit brüsten, sie hätten einen Trick gefunden, wie man eben diese Pop-up-Blocker umgehen kann, leider auch.

Wie gingen wir mit dem „immer schräger und immer lauter“ um, gäbe es in den Fachmedien nicht nur lobpreisende Artikel über die Kreativleistungen der Agenturbranche, sondern echte, objektive Statistiken über den Werbeerfolg solcher Kampagnen? Dass Lautstärke zumindest nicht der einzige Weg zum Erfolg ist, zeigen Marken, deren Bekanntheit und Image sich ganz ohne Werbekampagnen entwickelt haben, Zara zum Beispiel, Linux, Viagra oder The Body Shop.

3. Objektive Kriterien

Aber solche Statistiken fehlen, wie es überhaupt mit belastbaren Daten im Marketing nicht annähernd so weit her ist, wie es Schlagworte wie Big Data vermuten lassen. Nehmen wir die Kundendaten, die Unternehmen geradezu manisch sammeln und gern für die schnelle Marktforschung verwenden. Das Problem: Sie haben Menschen befragt, die der Marke wohlwollend genug gegenüberstehen, um sich registrieren zu lassen. Wer daraus dann Schlüsse auf die Nichtkäufer zieht, unterliegt dem, was die Naturwissenschaft einen „systematischen Fehler“ nennt. Das ist, als würde ein Fischhändler seine Kunden befragen, ob sie gern Fisch essen (Ergebnis: 100 Prozent!) und daraus folgern, dass die Gesamtbevölkerung seine Zielgruppe sei. So blöd ist doch kein Fischhändler? Stimmt. Andere leider schon.

Genauso wenig helfen viele der ausgefeilten Zielgruppenanalysen, die zu jedem professionellen Briefing gehören – obwohl zum Beispiel die Soziodemografie sich schon vor Jahrzehnten als untauglich erwiesen hat, Einstellungen und Kaufwünsche abzubilden. Mein Lieblingsbeispiel: männlich, britischer Staatsbürger, 65 Jahre, Einkommen über eine Million Britische Pfund jährlich, einmal geschieden. Zwei typische Vertreter dieser Zielgruppe: Prinz Charles und der Rocksänger Ozzy Osbourne. Welche Anzeige sollte es schaffen, diese beiden Herren gleichermaßen zu interessieren?

Ein letztes Beispiel: die Werbe-Reichweite von Printmedien. Sie gibt an, wie viele Leser etwa die »Bild«-Zeitung erreicht, wie viele sie also mindestens einmal geblättert haben (Lesen ist kein zwingendes Kriterium). »Bild« hat eine Auflage von knapp drei Millionen und eine Reichweite von etwa 17 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, also etwa zwölf Millionen Menschen – viermal so viel wie Käufer. Die Zahl sagt uns also, dass jeder »Bild«-Käufer sein Exemplar an mindestens drei Nichtkäufer weiterreicht – tut er das nicht, muss ein anderer entsprechend mehr Mitleser finden, wenn die Statistik stimmen soll.

Wer so etwas erhebt? Die Agma, also die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse, die 40 000 Menschen regelmäßig befragt, ob sie – vereinfacht dargestellt – ein bestimmtes Medium in letzter Zeit mal in der Hand hatten. Die Ja-Stimmen rechnet sie dann auf die Gesamtbevölkerung hoch – das ist die Reichweite. Übrigens rangiert »Bild« mit drei Mitlesern in der Leser-pro-Exemplar-Hitliste der Media-Analyse 2013 weit hinten, ebenso wie die »ADAC Motorwelt«, die – statistisch gesehen – so gut wie nicht weitergegeben wird: Ganz vorn steht »Ein Herz für Tiere« mit 28 Lesern pro Ausgabe.

4. Der Anfang vom Ende

Warum das Marketing trotzdem auf solche Zahlenspielereien und Rankings setzt? Weil es erkleckliche Summen ausgibt und dem Finanzvorstand dafür gute Gründe liefern muss. Als Markenverantwortlicher war ich zum Beispiel angehalten, Agenturen compliance-konform durch Vergleichsangebote auszuwählen. Die Methode stößt aber ganz schnell an Grenzen: „Sehr geehrte Firma, bitte erstellen Sie uns ein detailliertes Angebot für eine Marketingkampagne, die unseren Umsatz in den kommenden zwölf Monaten um zehn Prozent steigern wird.“

Solche objektivierbaren Auswahlmethoden mögen für Spediteure oder PC-Lieferanten ein gangbarer Weg sein – für die Auswahl von Markenagenturen sind sie einfach nur Unsinn. Um den Kollegen der internen Revision dennoch Strukturdaten zu liefern, die ihren Richtlinien genügen, habe ich bei der Auswahl der Pitch-Teilnehmer auch oft genug auf Feigenblätter wie Kreativ-Rankings zurückgegriffen. Sinnvoller wurde die Auswahl dadurch nicht.

Aber auch auf anderen Ebenen hat der Rechtfertigungsdruck auf die Abteilung mit einem der größten Unternehmensbudgets enorm zugenommen. Je komplexer Marketing wurde, desto sehnsüchtiger verlangten dem Shareholder Value verfallene Vorstände nach Daten, verlässlichen Prognosen und einem Ende des ewigen Werbedilemmas mit den 50 verpulverten Prozent. Sie wollen Zahlen, Daten, Fakten und – vor allem – dadurch Sicherheit, gleich wie sinnfrei das Material in vielen Fällen ist.

Über die wichtigste und immer noch valide Marketing-Erkenntnis ist mit ihnen nicht zu reden – dass sich der Konsument aller Marktforschung zum Trotz noch immer hartnäckig weigert, sich vorherberechnen zu lassen. Da helfen übrigens auch die elektronischen Medien nicht: Das Öffnen einer E-Mail zeigt schließlich so wenig wie das Aufgehen einer Ladentür, welcher Teil des Marketings gewirkt und durch welchen Impuls der Verbraucher das Angebot schließlich angenommen hat. Das Einzige, was man sicher weiß: Hat der Kunde erst mal einen Newsletter abonniert, ist die Kernaufgabe des Marketings – Attention, Interest und Desire – erledigt. Wenn er dann auch noch bestellt, ist auch die Action erreicht – eine geradezu sensationelle Erkenntnis aus all den Daten.

5. Ein neuer Anfang

Wie man aus diesem Teufelskreis ausbricht? Indem man den Mut aufbringt, sich gegen die pseudowissenschaftlichen Standards der Kommunikationswirtschaft zu entscheiden und für Erfahrung und Intuition. Auch wenn sich das nur bedingt mit Zahlen rechtfertigen lässt.

Mal ehrlich, würden Sie massiv in einer Branche investieren, die seit Jahren von einem großen Player dominiert wird? Mit einem Marketingkonzept, das so ungewöhnlich ist, dass es noch keine Erfahrungswerte gibt? Mit Produkten, die für sich allein keine Revolution auszulösen versprechen? Genau das haben Entscheider mit dem Apple iPhone oder wir bei Casio mit der Armbanduhr G-Shock getan – in beiden Fällen mit Erfolg. Hätte man den voraussehen können? Wohl kaum – dagegen sprachen alle Zahlen. Hätte das auch schiefgehen können? Aber sicher!

Der Mut, Misserfolge in Kauf zu nehmen, macht Marketing besser als Lautstärke und Zahlenkolonnen. Aber das müssen auch Vorstände und Geschäftsführer verstehen und zulassen, dass sich die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen in Ruhe entwickeln kann. Denn aller Forschung zum Trotz: Die Messwerte für erfolgreiche Kommunikation sind genauso wie vor 20 Jahren – Glaubwürdigkeit, Akzeptanz bei den Mitarbeitern, den Kunden und im Handel. Schreien hilft da nicht. ---


Marketing ist eine Wissenschaft – und die Erde ist eine Scheibe?

Mit einem Lächeln gegen den Marketing-Overkill

 

Ein ideales Buch für alle, die wieder einmal über die kleinen und großen Verrücktheiten in der Marketingbranche lachen möchten ….und für die, die ihre Effizienz im Marketing und das derzeitige Arbeiten hinterfragen wollen.

Mit geschätzt mindestens 60 Milliarden Euro jährlichen Budgets, davon alleine 26 Milliarden reine klassische Werbung laut Nielsen – ist das Marketing einer der größten Ausgabenposten in deutschen Unternehmen. Kein Wunder, dass die verwendeten Methoden allesamt die Sinnhaftigkeit solcher Ausgaben zu belegen suchen. Wie verlässlich die Methodik im Marketing aber ist – und auf welch töneren Füssen auch weitverbreitete  Methoden manchmal gebaut sind -, wird selten nur hinterfragt.

Mit einem deutlichen Schmunzeln in einem und einer Träne im anderen Auge zieht das neu erschienene Buch "Marketing ist eine Wissenschaft - und die Erde ist eine Scheibe?" seine Kreise - einmal durch alle Fachgebiete des Marketing: von Datenkritik über den (Irr-) Glauben an Kreativität als verkaufsfördernde Maßnahme, von pseudowissenschaftlicher Methodik im Neuromarketing bis hin zur Frage, woher Experten eigentlich ihr Fachwissen haben.  

Eine Leseprobe finden Sie hier.

Und einen Blick ins Inhaltsverzeichnis gibt es hier.

Autor: Heino Hilbig,

erschienen im Verlag  SpringerGabler

ISBN: 978-3658028909

 ..und hier der Link zum Buch: